Trauer

Trauer ist eigentlich ein normales, ja wichtiges, Gefühl. Trotzdem ist es fast ein Tabu-Thema, über das in der Öffentlichkeit kaum gesprochen wird, selbst unter Freunden weiß man häufig nicht, wie man mit Trauernden umgehen soll. Einen ergreifenden Einblick in die Seele eines Trauernden gibt Bernhard von Clairvaux, ein Zisterzienser und Mystiker, der von 1090-1153 lebte. Eines seiner bedeutendsten Werke sind seine Predigten zum Hohen Lied. Seine 26. Predigt fängt er an, ganz normal, doch dann überkommt ihn die Trauer um seinen kürzlich verstorbenen Bruder und engen Weggefährten Gerhard. „Die Trauer aber und das Elend, das ich leide, gebieten ein Ende.“ Er kann nicht mehr, die Trauer um seinen geliebten Bruder ist mächtiger als die Worte der Bibel. „Was soll mir dieses Lied in meiner Bitterkeit? Die Gewalt des Schmerzes lenkt meine Gedanken ab. […] Aber ich habe meiner Seele Gewalt angetan und meinen Schmerz bis zum heutigen Tag nicht gezeigt, damit nicht mein Gefühl stärker erscheine als mein Glaube.“ Ein so stark im Glauben verwurzelter Mensch, der mit großem Eifer für die Sache Gottes kämpft, ist von der Trauer überwältigt? Bernhard meint hier einen Widerspruch zu erkennen. Ist sein Bruder jetzt nicht im Paradies, in der himmlischen Vollendung? „Der unterdrückte Schmerz dagegen schlug im Inneren immer tiefere Wurzeln und wurde, wie ich spüre, dadurch immer bitterer, daß es ihm nicht erlaubt wurde, nach außen zu dringen. Ich gestehe, ich bin besiegt. So dringe, weil es nicht anders sein kann, nach außen, was ich im Herzen leide.“

TRAUERDie Psychologie war zu Bernhards Zeiten als Wissenschaft noch nicht erfunden, aber besser als er kann es auch kein Psychologe ausdrücken. Trauer muss gelebt werden, muss zugelassen werden, muss ausgehalten werden – vom Trauernden und denen, die mit ihm zu tun haben. Wenn sie nicht nach außen dringen darf, wird sie zum Geschwür – im metaphorischen oder wörtlichen Sinn. Wie Trauer gelebt wird, ist dabei sehr individuell. In der Wissenschaft werden vier Phasen der Trauer unterschieden: 1) Leugnen, Nicht-Wahrhaben-Wollen, 2) Intensive aufbrechende Emotionen, 3) Suchen, Finden, Loslassen, 4) Akzeptanz und Neuanfang. Natürlich ist das nur ein grobes Schema und kann individuell unterschiedlich verlaufen, aber es ist selbst in Bernhards Predigt zu erkennen. Auch er kann zunächst nicht trauern, er tut das, was er als Mönch für seinen Bruder tun kann. „Während die anderen klagten, bin ich, wie ihr bemerken konntet, mit trockenen Augen dem bitteren Leichenzug gefolgt und mit trockenen Augen beim Grab gestanden, bis alle Begräbniszeremonien beendet waren. Bekleidet mit den priesterlichen Gewändern habe ich mit meinem Mund die vorgeschriebenen Gebete für ihn beendet, mit meinen Händen habe ich nach der Sitte Erde über den Leichnam des geliebten Bruders geworfen, der bald selbst Erde sein wird.“ Wo war sein Herz bei alledem? Bernhard funktioniert, die Riten helfen ihm, das Unfassbare irgendwie greifbar zu machen.

Doch dann trifft ihn der Verlust mit voller Wucht. „Bei allem, was mir entgegentritt, blicke ich, wie ich es gewohnt war, auf Gerhard und er ist nicht da.“ Er hat Fragen über Fragen. Wie soll das Leben und das gemeinsame Werk ohne Gerhard weitergehen? Alle diese Fragen gehen über in die Erinnerung, voller Liebe und Dankbarkeit. „Welch umsichtiger Mann, welch getreuer Freund! […] Wer ging von ihm mit leeren Händen weg? Wenn einer reich war, nahm er einen Rat mit sich, wenn einer arm war, erlangte er Hilfe. […] Dank sei dir, mein Bruder, für jede Frucht meiner Bestrebungen im Herrn, sollte ich je eine erlangt haben. […] Warum hätte ich denn im Inneren nicht ruhig sein sollen, da ich doch wußte, daß du draußen wirkst, meine rechte Hand, Licht meiner Augen, mein Herz und meine Zunge?“ Aber im Alltag und im geistlichen Leben des Abtes Bernhard fehlt ihm der Bruder sehr. „Alles, woran ich mein Wohlgefallen und meine Freude hatte, ist zugleich mit dir geschwunden. […] Dich zu überleben, welche Mühe, welcher Schmerz!“ Solche Ausbrüche des übermächtigen Schmerzes wechseln sich ab mit Dankbarkeit, Gerhard gehabt zu haben. Die Phasen der Trauer sind nicht linear und können nicht „abgearbeitet“ werden. Sie kommen in Wellen, die Trauer ist mal größer, mal kleiner. „Brecht hervor, ihr Tränen, brecht hervor, denn schon lange begehrt ihr hervorzubrechen.“ Jedes Gefühl hat seine Berechtigung, auch Lachen ist nicht verboten – ganz im Gegenteil. „Ich fühle, ich bin verwundet, und die Wunde ist tief.“

In der Phase der Akzeptanz und des Neuanfangs ist Bernhard noch nicht angekommen, aber sein Glaube hilft ihm, dankbar zu sein für das Geschenk, das sein Bruder ihm war. „Die Freude des Geliebten mag die Trauer des Verlassenen mäßigen, und der Gedanke, daß er bei Gott ist, soll es uns erträglicher machen, daß er nicht bei uns ist.“ (27. Predigt) Und was bleibt für die Freunde, Kollegen usw. des Trauernden zu tun? „Wer vom Geist erfüllt ist, möge im Geist der Sanftmut dem Klagenden beistehen. Meine Trauer soll bitte mit menschlichem Mitgefühl und nicht mit Erwägungen der Nützlichkeit beantwortet werden.“ Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Trauer muss gelebt und ausgehalten werden, vom Trauernden und von denen, die mit ihm zu tun haben. Nur dann kann der Tod eines Menschen als Teil des Lebens akzeptiert und in das eigene Leben integriert werden. Das Leben geht weiter, ja natürlich, aber ganz anders. Dieses „anders“ will vom Trauernden gefunden werden.

Ich wünsche allen, die den Tod eines geliebten Menschen beklagen, Mut zur Trauer und Menschen an eurer Seite, die eure Trauer mittragen. Möge sich eure Trauer, wie Psalm 30 sagt, in Tanzen verwandeln.

Über das Leben

Seit Wochen schwanken meine Gefühle im Minutentakt hin und her zwischen Hochgefühl und Vorfreude auf der einen Seite und Traurigkeit und Mitgefühl auf der anderen Seite. Heute vermischen sich beide Gefühle zu einem und lassen keinen Gedanken an die Diplomarbeit zu, an der ich eigentlich arbeiten sollte. Aber indem ich hier schreibe, fließt das Thema doch mit ein.

Kann man glücklich-erfüllt und traurig gleichzeitig sein? Man kann. Ich vermute, es liegt nicht nur daran, dass ich ein Freund von Paradoxien geworden bin.

Gestern war ich mit einem engen Freund in der „Zauberflöte“ im Prinzregententheater. Ich war zum ersten Mal in diesem schönen Theater und durfte eine tolle Inszenierung mit schönen Kostümen auf dem allerbesten Sitzplatz bewundern. Und das mit Karten, die ich geschenkt bekam. Obendrauf – und der eigentliche Grund, warum ich unbedingt hin wollte – sang Tareq Nazmi den Sarastro. Er ist mit einer Stimme gesegnet, die mich fasziniert und die eine einzigartige Wirkung auf mich hat: sie verleiht mir einen großen inneren Frieden. „Nebenbei“ ist er, wie ich es gestern erfahren durfte, als ich mir am Bühneneingang ein Autogramm von ihm geben ließ, ein sehr sympathischer Mensch. Ich freue mich jetzt schon, dass er an Heilig Abend wieder bei uns und mit uns in unserer Kirche singen wird.

Nun habe ich gerade erfahren, dass die Mutter meines Freundes heute gestorben ist. Es kam nicht überraschend und doch ist es ein schmerzlicher Moment, trotz allem Vorbereiten und liebevollem Abschiednehmen. Er muss von einem geliebten Menschen Abschied nehmen und das tut auch mir weh. Zu helfen ist schwer. Dasein, Zuhören oder gemeinsam schweigen ist das, was man als Außenstehender tun kann. Das Gefühl, dass es nicht genug ist, bleibt.

Es fällt schwer, in solchen Momenten nicht zu sagen „so ist das Leben halt“. Aber so ist das Leben. Licht und Finsternis wechseln sich ab, Freude und Leid reichen einander die Hand. Die Kunst des Lebens besteht darin, beides ins Leben zu integrieren, einen Sinn darin zu erkennen, in dem, was geschieht. Es mag als Plattitüde klingen, aber ich sehe in solchen Momenten den Sinn darin, dankbar zu sein für das, was man hat, was einem Gutes widerfährt. Ein schöner Herbsttag, liebe Freunde, eine Familie, auf die man zählen kann. Dankbarkeit für die Gaben, die uns geschenkt sind. In meinem Fall bin ich gerade dankbar, dass es mir vegönnt ist, mich ein halbes Jahr mit einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt, intensiv zu beschäftigen. Ein großes Privileg! Ich bin auch dankbar für die Musik und für die Menschen, die viel Zeit, Energie und Herzblut in sie investieren. Angefangen bei unserem engagierten Chorleiter bis zu den Sängern und Musikern gestern.

Hier schließt sich der Kreis. Die Mutter meines Freundes war selbst Musikerin und ihr hätte die „Zauberflöte“ bestimmt gefallen. Wir werden beide diese Oper in Zukunft mit anderen Augen sehen und anderen Ohren hören, aber im Moment kann ich mir kein besseres Andenken an sie vorstellen. Zwei Ereignisse, die gefühlsmäßig kaum weiter auseinander liegen könnten und zeitlich nur wenige Stunden voneinander getrennt sind, werden eine Einheit.

Philosophie und Hollywood

Was hat die Philosophie des Mittelalters mit einem amerikanischen Film aus dem Jahr 2004 gemeinsam? Genauer gesagt mit dem Film „Vergiss mein nicht!“. Die Antwort auf diese spannende Frage ist folgende:

Von 1079 bis 1142 lebte der Philosoph Petrus Abaelard, der ein streitbarer Zeitgenosse war. Um 1113 begann er Theologie zu studieren. Die Vorlesungen genügten aber nicht seinen Ansprüchen und er begann selbst Vorlesungen zu halten – mit großem Erfolg. In dieser Zeit verliebte er sich in Heloise, was nicht ohne Folgen blieb: 1118 wurde ihr gemeinsamer Sohn Astrolabius geboren. Der Onkel von Heloise fühlte sich von Abaelard hintergangen und ließ ihn entmannen! Daraufhin drängte Abaelard Heloise in ein Kloster zu gehen (wo sie später sogar Priorin wurde). Er selbst nahm seine durch diese Affäre unterbrochenen wissenschaftlichen Studien wieder auf. Die, nebenbei bemerkt, immer wieder aneckten und zu seiner zeitweiligen Verurteilung als Häretiker führten. Später wurde er Abt eines Klosters in der Bretagne und er schenkte in dieser Funktion den Nonnen von Argenteuil, dessen Priorin Heloise war, das Oratorium von Paraklet und übernahm deren geistliche Begleitung …

Wer nun meinen Artikel über den Film aufmerksam gelesen hat wird den Zusammenhang schnell erkannt haben. 😉 Das Gedicht „Eloisa to Abelard“ von Alexander Pope ist eine wunderschöne, herzzerreißende Liebeserklärung an die unerfüllte Liebe der Heloise an Abaelard (*seufz*) – und eine Zeile daraus ist der Original-Titel des Films!

Man lernt im Theologiestudium manchmal auch ungeahnte Zusammenhänge kennen …