Als Freiwillige in der Ukraine

Zehn Tage war ich als Freiwillige in Lwiw in der Ukraine – diese zehn Tage zählen zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Es war kein klassischer Urlaub, auf eine gewisse Weise anstrengend, aber sehr erfüllend.

Schon allein Lwiw gesehen zu haben, diese wunderschöne Stadt, ist etwas, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es vermisse. Von allen Städten, in denen ich war, ist sie mit Abstand die beeindruckendste. Ein solches geschlossenes Stadtbild aus Häusern verschiedener Epochen (Renaissance, Barock, Klassizismus, Historismus, Jugendstils und Art déco), noch dazu in dieser Größe, ist einfach überwältigend. Die Stadt lebt, ist quirlig und voller Energie. Ja, vieles ist renovierungsbedürftig, aber dieser „shabby chic“ macht auch den Charme Lwiws aus. Ein Besuch in der Oper von Lwiw darf natürlich nicht fehlen und ich habe mich sehr gefreut, dass die in der Ukraine sehr beliebte Oper „Die Saporoger an der Donau“ (Saporoger sind die Kosaken) von Semen Hulak-Artemovskyj gespielt wurde, einem ukrainischen Komponisten. Auch wenn ich vom Text nicht viel verstanden habe, war ich sehr begeistert, denn die Musik, die Sänger und das Bühnenbild waren toll.

Leider ist auch in Lwiw der Krieg allgegenwärtig, die Lebendigkeit der Stadt kann darüber nur auf den ersten Blick hinwegtäuschen. Schon allein die regelmäßigen Luftalarme, meistens mitten in der Nacht, erinnern daran, dass sich die Ukraine im Krieg befindet. Überall begegnet man Soldaten, viele Gebäude – vor allem offizielle – sind mit Sandsäcken gesichert. An den Kirchen wurden die wertvollen Fenster mit Metall ebenso geschützt wie die Statuen, die verpackt wurden. In den Museen sind die meisten Werke nicht zu sehen oder nur die Kopie, denn sie werden an sicheren Orten gelagert.

In der Kirche Peter und Paul ist fast jeden Tag mindestens ein Gottesdienst für einen gefallenen Soldaten. An einem habe ich teilgenommen und es hat mir das Herz gebrochen, die trauernde Familie und die weinenden Kameraden des Gefallenen zu sehen. So viele junge Menschen müssen ihr Leben lassen für diesen sinnlosen Krieg. So viel Trauer, so viel Schmerz! Gerade als der Sarg gesegnet wurde, ging der Luftalarm los – nicht einmal in diesen schmerzvollen Stunden werden die ukrainischen Menschen vom russischen Terror verschont. Neben dem großen Lytschakiwski-Friedhof musste ein neuer Friedhof angelegt werden für die Gefallenen dieses Krieges. Hunderte von Gräbern sind es inzwischen. Ich bin hingegangen, um die Soldaten zu ehren und ihrer zu gedenken. Aber lange war ich nicht dort, ich kam mir angesichts der Frauen und Kinder an den Gräbern wie ein Eindringling vor und wollte die Menschen in ihrer Trauer nicht stören.

Ein Meer von Fahnen auf dem Friedhof für die seit dem 24. Februar 2022 Gefallenen.

Gerade diese Erlebnisse sind es, die mich motivieren, mich weiter und noch mehr für die Ukraine zu engagieren. Sie brauchen und verdienen unsere volle Unterstützung. Spätestens nach der Sprengung des Staudammes in Nova Kakhovka, der massiven Angriffe auf die vielen mutigen Helfer und der Tatsache, dass den Menschen in den von Russland besetzten Gebieten nicht nur nicht geholfen wird, sondern vor der Sprengung ihre Boote zerstört wurden, habe ich nur noch tiefste Verachtung für die Terroristen aus Russland. Ein Gefühl, das ich von mir eigentlich nicht kenne.

Am liebsten wäre ich in Lwiw geblieben und hätte weiter geholfen. Neben all dem Leid, das so präsent ist, habe ich durch die Arbeit bei Front Line Kitchen viele wunderbare Menschen kennengelernt, aus der Ukraine und aus allen Ländern der Welt. Sie alle unterstützen die Ukrainer in ihrem Kampf auf vielfältige Weise. Die Front Line Kitchen (FLK) wurde 2014 von zwei ukrainischen Frauen gegründet, die seitdem die ukrainischen Soldaten mit fertigen, gesunden Mahlzeiten – in getrockneter Form – versorgt. Inzwischen hat sie sich auch zu einer Drehscheibe für diverse Hilfstransporte entwickelt.

Die zentrale Aufgabe für Freiwillige bei FLK ist das Schälen und Schneiden von Gemüse, Obst und Früchten. So viele rote Bete habe ich in meinem Leben noch nicht geschält! Aber rote Bete ist das wichtigste Gemüse, denn sie wird für Borscht gebraucht, die traditionelle und sehr beliebte Suppe in der Ukraine. Dafür gibt es zum Glück einen Schredder, der die rote Bete oder auch Karotten klein schneidet. Alles andere muss von Hand geschehen. Aber mit vielen anderen am großen Tisch ist das ein Vergnügen, es wird viel gequatscht und gelacht. Einige Videos dazu:

Das Gemüse wird gereinigt und kleingeschnitten: https://youtu.be/5j7O4xUBDVg

Der Shredder, der vieles einfacher macht: https://youtube.com/shorts/axfzHDz-_Js?feature=share

Das geschnittene Gemüse wird dann getrocknet und anschließend werden die einzelnen Zutaten für ein Gericht genau abgewogen und in einen Beutel gefüllt (Video: https://youtu.be/CJg9Ofixrlc). Es gibt verschiedene Suppen, Kascha (Haferflocken mit Früchten), Tee und Gewürze (Video: https://youtu.be/HLakYAtTXp0). Die Soldaten müssen die Mischung dann nur noch 10 bis 20 Minuten in heißem Wasser kochen und haben so schnell eine gesunde Mahlzeit für 10-15 Personen.

Ich habe auch mitgeholfen, ein Tarnnetz zu machen – etwas, was ich nie gedacht hätte zu machen. Da es für die Soldaten an der Front aber überlebenswichtig ist, knüpft man als Freiwillige eben auch ein Tarnnetz. An einen Rahmen wird ein Netz aus stabilem Faden gespannt, an das grüne Stoffreste in einem unregelmäßigen Muster gewoben werden. Jeder und jede hat dafür seine/ihre eigene Technik entwickelt, meine Technik war „nach Gefühl“. Scheint ganz gut geworden zu sein, jedenfalls wurde ich von Natalija, der „Chefin“ sehr gelobt für mein Werk. 😉 Mir hat diese Arbeit Spaß gemacht, sie ist meditativ und irgendwie Kunst. Während Gemüse schälen und die Gerichte zusammenstellen nicht so offensichtlich etwas mit dem Krieg zu tun haben, war es beim Tarnnetz anders – gerne hätte ich auf diese Erfahrung verzichtet. Trotz allem Geschnatter und Gelächter, das mit den Arbeiten und manchen Sprachhürden in unserem Englisch-Ukrainischen Kauderwelsch auch verbunden ist, wissen alle, warum wir hier sind. Der Krieg liegt wie ein Schatten über allem.

Doch die Verbundenheit zwischen den Soldaten an der Front und den vielen Helfern im Hintergrund ist groß, auch wenn uns hunderte von Kilometern trennen. Immer wieder senden die Soldaten Dankesvideos an FLK und dieses Mal haben uns litauische Soldaten, die Essen an die Front liefern, Patronenhülsen aus Bachmut mitgebracht, als Dankeschön für die Freiwilligen. Was für ein Geschenk! Ich habe meine per Post nach Hause geschickt, an der Grenze kann es damit ziemlichen Ärger geben, das wollte ich nicht riskieren. Ich hoffe, sie kommt an.

Ja, es war eine ungewöhnliche Art Urlaub zu machen, aber einen klassischen Urlaub wollte und konnte ich nicht verbringen. Alle Gedanken dazu fühlten sich nicht richtig an, in mir sträubte sich etwas, „nur“ gemütliche Tage für mich zu verbringen. In der Ukraine gibt es so viel zu tun, auch Tätigkeiten, die wirklich jede(r) verrichten kann. Es ist sehr befriedigend, etwas mit den Händen zu schaffen, die Berge an Gemüse zu sehen, die wir geschält und geschnitten haben, die gefüllten Tüten mit den Mahlzeiten, das fertige Netz. „разом – gemeinsam“ heißt eine Initiative des ukrainischen Botschafters in Deutschland, das ist das Wort unter dem der Einsatz als Freiwillige steht. Gemeinsam mit den Ukrainern tragen wir dazu bei, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnen kann und die Menschen wieder in Frieden leben können. Gemeinsam geben wir den Ukrainern die Kraft und den Mut, weiterzukämpfen, ob an der Front oder im Hintergrund, denn die Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung sieht man ihnen an. Gemeinsam bringen wir etwas Menschlichkeit und Liebe in die Ukraine, die so viel Leid und Tod erfahren muss.

„Volunteering is not just a task, or a way to be famous, it is an investment in kindness and compassion.“

„Freiwilligenarbeit ist nicht nur ein Aufgabe oder ein Weg berühmt zu werden, sie ist ein Investition in Menschenliebe und Mitgefühl.“

(volunteeringinukraine.com auf Twitter am 11.6.2023)

Keine Tätigkeit ist zu bedeutungslos, wenn man auf diese gemeinsamen Ziele hinarbeitet. Die Ukraine braucht und verdient unsere Unterstützung auf allen Ebenen, denn die russischen Terroristen wollen sie vernichten und dabei können wir doch nicht tatenlos zusehen! Meiner Unterstützung können sich die Ukrainer auf jeden Fall sicher sein, ich werde sicher wieder hinfahren und das tun, was gebraucht wird, aber auch zu Hause wieder auf Demonstrationen gehen, das Friedensgebet mitgestalten und vieles andere.

Dieses Schild steht in der Bahnhofshalle. In grüner Schrift die Strecken, die derzeit leider nicht befahren werden können, in weißer die wieder offenen Strecken. Das Ziel ganz oben ist kein Ort, denn Peremoha heißt Sieg – der wird 2023 erreicht.

Ist unsere Demokratie in Gefahr?

Am Wochenende war ich wie so oft die letzten zwölf Monate auf eine Demo für die Ukraine. Gegenüber den Demos im März/April letzten Jahres sind die Teilnehmerzahlen an diesen Demos inzwischen sehr überschaubar. Die meisten Teilnehmer sind Ukrainer. Wegen der Sicherheitskonferenz und einiger teilnehmender Prominenz (Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Anton Hofreiter) waren es diesmal immerhin gut 1000 Menschen, die für die Ukraine und mit den Ukrainern auf dem Odeonsplatz demonstrierten. Zu den Rednern gehörten neben den Genannten auch der ukrainische Botschafter in Deutschland Oleksii Makeiev und der Politologe Carlo Masala. Der übrigens zum ersten Mal auf einer Demo gesprochen hat und angeblich nicht wusste, was er eigentlich sagen soll, aber dann doch viel – sehr Gutes – gesagt hat. 😉 Die Ukrainer haben sich immer wieder für die Hilfe aus Deutschland bedankt und zu weiterer Unterstützung aufgerufen.

Dieser Unterstützung der anwesenden Politiker und Bürger können sich die Ukrainer sicher sein. Auf dem Weg zum Odeonsplatz bin ich aber am Königsplatz vorbeigeradelt und mir wurde schlecht, als ich die russischen Fahnen sah. Hier hatte sich ein Bündnis aus AfD, „Querdenkern“, Verschwörungsgläubigen, Reichsbürgern, Rechtsextremisten , z. B. die Freien Sachsen, und offensichtlich Alt-68er Friedensbewegten zusammengefunden. Zu meinem Entsetzen war der Königsplatz voll, laut Polizei waren es 10 000 Menschen. Die durften dann auch noch durch Schwabing marschieren. Eine andere Demo der DKP und ähnlicher Gruppierungen – u. a. auch unter dem Slogan „Frieden“ – startete am Stachus und führte, man glaubt es kaum, an unserer Demo vorbei. Fast ein halbe Stunde dauerte das, in der unsere Demo massiv gestört wurde.

Dieser Nachmittag lässt mich frustriert und entsetzt zurück. Bislang war ich der Meinung, dass diese – wie soll ich sie nennen – „Pazifisten“, die sie nicht sind, nur eine laute Minderheit ist, aber das gestrige Zahlenverhältnis war für mich erschütternd. Ist dieses seltsame Bündnis aus Rechten, Linken und 68er-Pazifisten wirklich nur laut und spiegelt es nicht die Mehrheit der Bevölkerung wider? Sind diejenigen, die für die Ukraine und auch Waffenlieferungen sind, zu träge oder zu sicher, dass sich das schon irgendwie lösen wird? Ich für meinen Teil kann hier nicht mehr tatenlos zusehen, was ich gestern erlebt habe, macht mir große Sorgen: Sorgen um unsere Gesellschaft, die schon seit der Pandemie – wohl auch schon vorher, aber da wurde es offensichtlich – tief gespalten ist. Sorgen um unsere Demokratie, weil immer mehr Menschen das Vertrauen in den Staat verloren haben oder ihn gar ganz ablehnen. Sorgen machen mir auch die verhärteten Fronten und die Menschen, die nicht mehr für rationale Argumente zugänglich sind, die hinter allem eine Verschwörung sehen und sich mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen zufrieden geben. Die in einem „starken Mann“, der endlich mal durchgreift und aufräumt, die Lösung ihrer und der Probleme Deutschlands sehen.

Ich kann nur an alle appellieren: Überlassen wir diesen Menschen nicht die Meinungshoheit, zeigt eure Meinung offen und unterstützt die Ukraine so gut es geht. Bis vor einem Jahr war ich in meinem Leben einmal auf einer Demo, das war bisher aus verschiedenen Gründen nicht mein Ding. Aber inzwischen kann ich nicht mehr nur dabei vom Sofa aus zusehen, wie zerstörerische Kräfte unsere Demokratie aushebeln wollen. Ich kann auch nicht tatenlos dabei zusehen, dass Russland die Ukraine vernichten will. Es will auch nicht in meinen Kopf, wie man unter dem Vorwand des Friedens dafür plädieren kann, der Ukraine keine Waffen mehr zu liefern. Wie kann man angesichts der Bilder und Berichte von Vergewaltigung, Ermordung, Deportation und Folter auf diese Idee kommen? „Frieden schaffen ohne Waffen“ habe ich gestern mehrfach im Vorbeifahren gelesen – wie soll das denn in der Ukraine funktionieren? Idealismus und Prinzipien sind ja gut und richtig, aber wenn sie an der Realität scheitern, sind sie wenig wert. Und die Realität ist, dass für die russische Führung und ihre Propaganda die Ukrainer „Untermenschen“ sind, die ausgelöscht oder umerzogen werden müssen. Die Realität ist, dass Russland diesen Krieg nicht eher beenden wird, bis es militärisch geschlagen ist. Die Realität ist auch, dass der Machthunger Russlands über die Ukraine hinausreicht, Moldau ist ja schon besetzt und wird konkret bedroht.

Ich war und bin immer noch Pazifist und würde immer dafür plädieren, zuerst einen Weg über Gespräche zur Konfliktbewältigung zu gehen. Nur im Fall des Krieges Russlands gegen die Ukraine gibt es diesen Weg nicht mehr – lange genug wurde er versucht. Putin will gar nicht verhandeln und wenn, dann nur unter der Bedingung, dass die „territorialen Realitäten“, wie sie es nennen, nicht verhandelbar sind, die Ukraine soll aber ohne Bedingungen in solche Verhandlungen gehen. Das sind doch keine Verhandlungen, sondern die Aufforderung zur Kapitulation der Ukraine. Wenn eine solche Übereinkunft zustande käme, wäre das kein Frieden, sondern eine Friedhofsruhe – im wahrsten Sinne des Wortes. Dann würden weitere Städte dem Schicksal des zerstörten Mariupols folgen.

Was mich auch immer wieder fassungslos macht, ist wie mit einer Selbstverständlichkeit beim Thema Verhandlungen die Ukraine bestenfalls als Objekt betrachtet wird über das verhandelt wird. Es scheint bei manchen Leuten noch nicht angekommen zu sein, dass die Ukraine seit 1991 ein souveräner Staat ist, der souveräne Entscheidungen trifft. Auf der Demo wurde ich von einem Fernsehteam interviewt, wie ich denn Waffenlieferungen an die Ukraine sehe usw. (Mein erstes Fernsehinterview!). Da ich auf der Pro-Ukraine-Demo war, waren die Antworten ziemlich offensichtlich. Ich habe der Interviewerin gesagt, dass sie auch Ukrainer befragen soll, deren Stimme und Stimmung sollte viel mehr zu Wort kommen, weil sie direkt betroffen sind.

Ich habe mich lange aus politischen Diskussionen herausgehalten und es fällt mir immer noch nicht leicht, aber gestern hat mich endgültig wachgerüttelt und ich hoffe, viele schließen sich an. Auch wenn ich keine Idee habe, wie man diese „abgedrifteten“ Menschen wieder ins Boot der Demokratie und des vernünftigen Diskurses holen kann, will ich zumindest in meinem bescheidenen Rahmen durch die Teilnahme an Demos meine Position deutlich machen. Zudem bin ich dabei, meine erschreckenden Wissenslücken – genau genommen ist es ein einziges großes Loch – zu Osteuropa im Allgemeinen und zur Ukraine im Speziellen zu schließen. Das würde, nebenbei bemerkt, manchen Briefe- und Manifestschreibern und Demonstranten, die auf dem Königsplatz waren, auch nicht schaden. Dann würde das verklärte Russlandbild nämlich sehr schnell bröckeln und man würde merken, dass die Ukraine eine lange Geschichte hat und eben sehr viel mehr ist als nur „Kleinrussland“.

Erlaubt mir am Ende dieses zugegeben emotionalen Beitrags noch ein paar Empfehlungen, wie ihr die Ukraine unterstützen könnt und einige Empfehlungen, wenn ihr mehr über die Geschichte der Ukraine wissen wollt (es lohnt sich!).

Geschichte der Ukraine:

Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder, ISBN 978-3-406-71410-8 (kurz und knackig)

Serhii Plokhy, Das Tor Europas, ISBN 978-3455015263 (ausführlich, aktuellstes Werk)

Kerstin S. Jobst, Geschichte der Ukraine, ISBN 978-3150143261

Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine, ISBN 978-3406735585

13-teilige Vorlesung von Timothy Snyder (Professor in Yale, renommierter Osteuropa-Historiker): The Making of modern Ukraine

Unterstützung für die Ukraine (eine kleine Auswahl):

Caritas: https://www.caritas-international.de/spenden/online/formular?id=A0230M005

Ukrainisch-katholische Gemeinde/Exarchie: http://www.ukr-kirche.de/seite/570811/hilfe-f%C3%BCr-die-kriegsopfer-in-der-ukraine.html

Verein München hilft Ukraine: https://www.muenchen-hilft-ukraine.de/spenden

SOS-Kinderdörfer: https://www.sos-kinderdorf.de/portal/spenden/wo-wir-helfen/europa/ukraine

Über DHL kann man kostenlos Pakete in die Ukraine schicken, die ukrainische Post verteilt den Inhalt dahin, wo es gebraucht wird: https://www.dhl.de/de/privatkunden/information/hilfe-ukraine.html

Initiative von Timothy Snyder: https://u24.gov.ua/shahedhunter (oder auch andere Projekte, auch humanitäre, auf der Seite des ukrainischen Präsidenten: https://u24.gov.ua/)

Auf Empfehlung von Aleksander Pavkovic: Blindenschule in Charkiw


Die Unordnung der Welt und was ich tun kann

Unsere Welt scheint aus den Fugen zu geraten: Es ist Krieg in Europa, im Iran eskalieren die Proteste gegen das Regime, es gibt Hungersnöte in vielen Ländern Afrikas, politische Kräfte agitieren, die die Gesellschaften spalten und destabilisieren, der Klimawandel, durch den unsere Lebensgrundlage zerstört wird, ist kaum aufzuhalten und so viel mehr. Mir macht das Angst, auch deswegen, weil ich mir ziemlich hilf- und machtlos vorkomme und ich mich allem ausgeliefert fühle. Das was ich tue, scheint mir nur ein winziger Tropfen im großen Meer zu sein, der nichts bewirkt.

Seit Anfang März halten wir jeden Sonntag ein Friedensgebet, etwa 20 bis 30 Menschen nehmen daran teil, viele von ihnen sind treue Stammgäste. Wir beten um Frieden in der Ukraine und in der Welt. Wir glauben fest daran, dass unser Gebet etwas bewirken kann, wir sind schließlich nicht die einzigen. In Erfurt gibt es seit über 30 Jahren ein Friedensgebet, das mit den Demonstrationen in der DDR 1989 begonnen wurde! Es mag für den Einzelnen nicht viel sein, aber zusammen entsteht aus dem Gebet viel Kraft.

Zudem gehe ich seit Beginn des Krieges in der Ukraine immer wieder demonstrieren, etwas,  das ich in meinem bisherigen Leben nur einmal getan habe. Es fiel mir bisher immer schwer, mich politischen Demonstrationen anzuschließen, warum genau, kann ich nicht richtig sagen. Aber das hat sich mit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine geändert. Er hat mich politisiert wie nichts zuvor. Es ist mir wichtig, das bisschen, was ich tun kann für die Ukrainer, nämlich meine Stimme zu erheben und mich mit ihnen zu solidarisieren, auch zu tun. Ich bin jedes Mal wieder beeindruckt von den ukrainischen Menschen, vor allem von den jungen. Sie lieben ihr Land, kämpfen dafür und sind dankbar für jede Hilfe.

Heute habe ich gelernt, wie man den Menschen im Iran und anderen Ländern, in denen das Internet zensiert ist, helfen kann. Mit dem Add-on „Snowflake“ für Firefox und Chrome bzw. der Internetseite https://snowflake.torproject.org/ kann man einen Proxy bereitstellen, mit dem die Menschen die Zensur umgehen können. Eine Handvoll Klicks für mich, für einen Menschen im Iran die Möglichkeit, der Welt mitzuteilen, was dort geschieht.

Ja, das sind meine kleinen Schritte, so winzig und unbedeutend sie mir auch vorkommen mögen, hoffe ich doch, dass sie etwas bewirken. Aber die Sorge um die Zukunft in unserem Land, in Europa und der Welt bleibt trotzdem. Das Gefühl zu wenig zu tun auch. Was kann ich tun, um die berechtigten Sorgen der armen Menschen in Deutschland vor diesem Winter und der Energiekrise zu lindern? Wie wird der Krieg in der Ukraine weitergehen? Und die Bilder von den hungernden Menschen in Somalia und anderen Ländern kann mich doch auch nicht kalt lassen?

Ich denke, es ist an der Zeit, die eigene Komfortzone zu verlassen. Wie das genau aussieht, weiß ich noch nicht, aber ich spüre, dass mich etwas antreibt. Vielleicht ist es auch die Abenteuerlust, die in mir wieder erwacht ist, aber auch das Bedürfnis (und die Selbstverständlichkeit) mich ehrenamtlich zu engagieren, was seit meinem Rückzug aus der Kirche darniederliegt. Mal sehen, wo es mich hintreibt.

Frieden oder Freiheit?

Diese Frage stellte neulich jemand auf Twitter. Wenn ihr euch nur für Frieden oder nur für Freiheit entscheiden müsstet, was würdet ihr wählen? Ich hab darauf geantwortet, dass ich das nicht entscheiden kann, weil beides voneinander abhängt, dass es Frieden ohne Freiheit nicht gibt und Freiheit nicht ohne Frieden. Diese Frage lässt mich nicht mehr los. Ihr dürft mir beim Nachdenken zuschauen bzw. mitlesen …

Ich denke, zuerst muss man bei dieser Diskussion definieren, was man unter Freiheit und Frieden versteht. Beides ist für mich sehr vielschichtig, das sich gar nicht so einfach definieren lässt. Ich versuche es. Dem sei vorausgeschickt, dass mir natürlich klar ist, dass es die absolute Freiheit und den absoluten Frieden auf Erden, in dieser Welt nicht gibt.

Absolut frei ist für mich nur Gott, der sich frei – ohne Restriktionen durch Erziehung, Gesellschaft, Moral oder Instinkte – entscheiden kann. So ist meine Definition von Gottes Allmacht. Frieden in seiner absoluten Form verstehe ich wie den hebräischen Shalom, der mehr meint als die Abwesenheit von Krieg. Das hebräische Wörterbuch, „der Gesenius“, führt viele Definitionen für Shalom auf, eine ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben: Ein Zustand, der keine Wünsche mehr offen lässt. Das war immer Gottes Auftrag an die israelitischen Könige, sie sollten für „Recht und Gerechtigkeit“ sorgen. Wie gut das geklappt hat kann man in der Bibel nachlesen (Spoiler: Gott war meistens nicht so richtig begeistert über die Ausführung seines Auftrags). In diesem Sinn halte ich Frieden für eine Utopie, wenn auch als Ziel erstrebenswert.

Wir Menschen sind Begrenzungen unterworfen, von denen wir uns nicht oder nur wenig befreien können. Instinkte, die für unsere Urahnen lebensnotwendig waren, beeinflussen – meist unbewusst – unsere Entscheidungen. Unsere Sozialisation und Erziehung setzen einen Rahmen, in dem wir uns bewegen, ethische und moralische Vorstellungen unserer Gesellschaft prägen unser Denken und Handeln, Gesetze und Verordnungen reglementieren unser Zusammenleben. (Immer öfter hege ich sogar Zweifel, ob der Mensch überhaupt einen wirklich freien Willen hat oder ob das nur eine Idee ist, die wir uns ausgedacht haben, um uns von den Tieren abzuheben. Aber das nur nebenbei, vorerst gehe ich davon aus, dass wir diesen freien Willen haben und folglich in Freiheit leben können.)

Insofern gehe ich von Frieden und Freiheit aus, wie sie uns Menschen mit all unseren Restriktionen möglich sind bzw. möglich sein können.

Für mich ist Freiheit zunächst das Leben ohne äußeren Zwang, dass ich mein Leben gestalten kann, wie ich es möchte, wie es in den Grundrechten festgelegt ist. Als Mensch geachtet zu sein, unabhängig von meiner Herkunft, Weltanschauung, Religion, Bildungsstand, Familienstand etc. Freiheit ist es auch, eine eigene Meinung zu haben und diese äußern zu dürfen. Die finanzielle Unabhängigkeit ist für mich ein Pfeiler, auf dem meine persönliche Freiheit steht. Als Gesellschaft sind wir frei, wenn wir freie Wahlen haben oder mit Entscheidungen der Regierung nicht einverstanden sein dürfen, ohne eine Verhaftung fürchten zu müssen. Wir sind frei, wenn wir offen über unterschiedliche Meinungen diskutieren können. Eine Gesellschaft ist frei, wenn die Mehrheiten die Minderheiten schützen und ihnen den ihnen zustehenden Raum geben. Unbedingter Respekt voreinander ermöglicht Freiheit.

Frieden zwischen Staaten haben wir in Westeuropa seit fast 80 Jahren, einen Frieden, der mehr ist, als die Abwesenheit von Krieg. Völker haben eine jahrhundertelange „Erbfeindschaft“, die unauflöslich schien, beendet und arbeiteten an einem vereinten Europa, das wirtschaftlich weitgehend prosperierte und Freiheit auf vielen Ebenen brachte. Ich halte es für ein großes Privileg, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein und leben zu dürfen. Wie fragil so ein Frieden ist, wie sehr darum gekämpft werden muss, erleb(t)en wir immer wieder, in Europa und in der Welt.

Auch der Frieden im Kleinen, in unserem alltäglichen Leben, ist eine Herausforderung. Wir fühlen uns ungerecht behandelt, die Meinung eines Anderen fordert uns heraus, der Chef verlangt Unmögliches, die Kinder hören nicht zu – wir alle kennen das in der einen oder anderen Form.

Man könnte auch sagen, die Freiheit des anderen stört den Frieden. Seine oder ihre Freiheit trifft auf meine Freiheit, aber die Schnittmenge ist klein. Schon steht der Frieden auf wackeligen Beinen. Idealerweise – und meistens – finden zwei Menschen eine Lösung, die Schnittmenge ihrer Freiheiten zu vergrößern und damit friedvoll miteinander umzugehen. Aber wenn das nicht zustande kommt, ist der Frieden bedroht. Die persönliche Freiheit des Einzelnen birgt immer die Gefahr des Unfriedens, aber gleichzeitig ist sie auch die Möglichkeit zum Frieden, wenn wir an gemeinsamen Lösungen arbeiten.

Ein Frieden ohne Freiheit ist nur ein Scheinfrieden, der Differenzen negiert und die Menschen unterdrückt. Beispiele in der Weltgeschichte gab und gibt es genug. Irgendwann platzt diese Blase des vermeintlichen Friedens und die Freiheit bricht sich Bahn.

Und Freiheit ohne Frieden, geht das? Sind zum Beispiel die Menschen in der Ukraine, die in „sicheren“ Städten leben, ganz normal ihrer Arbeit nachgehen und ihren Alltag leben, aber trotzdem ständig in Sorge um ihr Leben oder das ihrer Angehörigen sind, wirklich frei? Ich würde mich wohl nicht frei fühlen, aber vielleicht sehen das die Menschen in der Ukraine anders. Wladimir Klitschko schreibt in einem Beitrag heute „The absolute good is not peace, but freedom and justice, and to defend them you must fight.“* Das absolute Gute ist nicht Frieden, sondern Freiheit und Gerechtigkeit, und um sie zu verteidigen, muss man kämpfen. Und er hat recht, Freiheit ist der Boden, auf dem Frieden gedeihen kann. Ja, Frieden und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeit, sondern unsere höchsten Güter, um die wir uns jeden Tag bemühen müssen, im Kleinen wie im Großen.

* https://www.linkedin.com/pulse/ukraine-does-need-abstract-moral-sermons-concrete-klitschko?trk=public_profile_article_view